Fortschritte im Coaching messen können?

Als Coach habe ich zu 90% Unternehmen als Auftraggeber. Eventuell 10% sind private Personen als Selbstzahler. Deshalb möchte ich als Coach in der Regel zwei Interessengruppen zufrieden stellen können - den Coachee und gleichzeitig auch den Auftraggeber.

Der Erste bekommt eine Leistung und ich möchte, dass er damit zufrieden ist. Von ihm erhalte ich ein direktes Feedback und eines geht an den Auftraggeber im Unternehmen.
Von dem Auftraggeber erhalte ich das Honorar. Insofern befinde ich mich in den meisten Fällen in einem Dreieicksverhältnis. Deshalb ist das Dreiecksgespräch zur Kontraktgestaltung mit beiden Beteiligten zu Beginn des Coachings für mich die Basis.
In dieser Phase entscheide ich für mich, ob ich den Auftrag annehme kann und ist er in meinen Augen durchführbar. Gleichzeitig stellen Auftraggeber und Coachee fest, ob das Coaching mit mir sinnvoll ist. Wonach soll entschieden werden? Da spielen z.B. einerseits menschliche und ethische Fragen eine Rolle und andererseits die Einschätzung der Machbarkeit. Dafür ist eine gründliche Zielklärung und Definition von Evaluationskriterien für alle fast unabdingbar, weil auf diese Weise eine gemeinsame Basis geschaffen wird, auf der wir starten können. Mein Wunsch nach Definition von Evaluationskriterien oder Zielkriterien oder einfach nur Kriterien, die erkennen und überprüfen lassen, ob das Coachingziel erreicht werden kann, zeigen wessen Kind ich bin. Zielorientiertung liebe ich. Dann weiss ich, aha da geht es lang. Sehr beruhigend und klar. Mit diesem Ziel und den Kriterien im Gepäck, kann ich den Rest entspannt angehen. Wir haben eine Orientierung und das ist gut so. Die weitere Navigation lässt sich an die Bedürfnisse des Coachees anpassen. Möglicherweise geht es um Entdeckungsreisen wie zur Zeit der Antike, dann reicht die Navigation entlang der Küste und nach den Sternen. Wollen wir im harten Managementstil schnell vorwärts, brauchen wir Satellitennavigation d.h. stetige Überprüfung, sind wir noch auf der richtigen Bahn.

Warum schreibe ich das? Mir geht es darum ein Instrument zu nutzen, dass mir erlaubt zwischendurch den Standort überprüfen. Wie? Systemische und andere Coaches nutzen nach der Zielbestimmung oft eine vergleichbare Frage wie, "Woran werden Sie feststellen, dass Sie ihr Ziel erreicht haben (sehen, hören, Veränderungen, wer kann es feststellen usw.)?" Mit den Antworten sind wir schon nahe an Evaluationskriterien. Warum sollten diese nicht für eine Überprüfung nutzbar sein können? Dieses Ansinnen ist in den Augen mancher Coaches schon ketzerisch. Meine Frage ist wie und was macht der Coach mit dem Ergebnis? Damit sind wir mitten in einer explosiven Thematik  von Qualitätssicherung, Transparenz, Verschwiegenheit, Unabhängigkeit des Coaches u.a.m.

Ich werde an dieser Stelle und heute nicht auf alles eingehen. Vielleicht werden sich Kommentatoren melden.

Bezogen auf die Qualitätssicherung gibt es nach meiner Erfahrung und der Literatur zwei Grundhaltungen der Auftraggeber. Die einen möchten Nichts wissen über Inhalte und Fortschritt, die anderen möchten möglichst gezielt Qualität über Rückmeldungen aus dem Prozess erfassen. Es wäre im Übrigen ein Wunder wenn nicht. Wir erleben ein Zeitalter des Controllings und Glaubens alles präzise erfassen und steuern zu können. Wir sind schließlich im Informationszeitalter. Dem allmächtigen Messglauben schliesse ich mich nicht an. Wir konstruieren immer noch Modelle und überprüfen Modelle mit ihrer eigenen systemimmanenten Methodik. Da kann nichts anders herauskommen, als das was vorher hineingesteckt wurde. Und wer kennt schon Karl Popper u.a. Erkenntnistheoretiker? Einzelfälle, mit mehr haben wir es im Coaching nicht zu tun, erlauben keine allgemein gültigen theoretischen Ableitungen. Auch messmethodisch ist es oft fraglich, was messen wir da eigentlich? Reichen die Methoden, wer misst mit welchen Interesse usw.?

Also warum dann überhaupt Evaluationskriterien und ihre Überprüfung? Ganz einfach, mir es geht um die Wirklichkeitskonstruktion der Beteiligten, zumindest des Coachees. Gibt es z.B. einen Teamkonflikt, dann kann es dem Coachee helfen die Wirklichkeitskonstruktion der anderen kennen-zu-lernen. Der Coachee erweitert mitunter seine eigene Wahrnehmung und lernt die Unterschiede zwischen seinem Selbst- und Fremdbild. Da sind wir im Konstruktivismus. Was ist denn dann das wahre Bild über den Coachee - seines oder das der anderen oder keines oder beide oder .... (Tetralemma lässt grüssen)?. Ach so, der will nur Selbst- und Fremdbild nebeneinander stellen, sagt jetzt vielleicht mancher Leser. Nein, es ist schon mehr. Allein die Inszenierung macht schon einen Unterschied.

Die Erhebung der Evaluationskriterien liefert uns trotz aller Messproblematik einerseits Anhaltspunkte subjektiv erlebte Veränderungen zu erfassen und andererseits sind sie eine wunderbare Bereicherung die Wirklichkeit zu konstruieren. Wenn man sich dann noch bewußt ist, auf welchem Skalenniveau wir uns bewegen, nämlich von größer und kleiner als (ordinal), können wir als Coaches wunderbar damit arbeiten. Damit haben wir ein gutes Instrument, um Zusatznutzen in den Coachingprozess zu bringen. Nur die Besprechung der Ergebnisse ergibt schon vielfältige Möglichkeiten.